Ulm, 30. Januar 2026
Was wir aus der ersten Generation CSRD Bericht lernen können
Die EU-Kommission hat am 26.02.2025 ein Paket neuer Vorschläge zur Vereinfachung der EU-Vorschriften veröffentlicht. Diese Vorschläge haben weitreichende Auswirkungen auf den Anwenderkreis der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), der EU-Taxonomieverordnung (EU-Taxonomie) sowie auf weitere Nachhaltigkeitsthemen.
Am Dienstag, den 16.12.2025, wurde nach langem Ringen eine wegweisende Entscheidung getroffen: Nachdem der Roll-out bereits durch eine gesetzlich verankerte Verzögerung (seit dem 17.04.2025 in Kraft) verschoben worden war, erfolgte nun auch der entscheidende Schritt zur Verringerung des Anwenderkreises der CSRD. Insgesamt wird der bisherige Anwenderkreis durch die Anpassungen um knapp 90 % reduziert.

Quelle: Eigene Darstellung
Der Blick über den Tellerrand lohnt!
Ein wichtiger Hebel ist, Anforderungen greifbar(er) zu machen: Die CSRD sind detailliert und komplex, bleiben aber – insbesondere bei den qualitativen Datenpunkten – prinzipien- und auslegungsorientiert. In der Praxis entsteht die „Greifbarkeit“ erst durch die Übersetzung der Anforderungen in konkrete Berichtselemente.
Gleichzeitig gilt es, die Erwartungshaltung zu verstehen: Mit der ersten Berichtswelle bilden sich faktisch implizite Standards heraus – was gilt als Mindestniveau, was als marktüblich, und wo beginnt Best Practice? Diese Erwartungshaltung entsteht nicht nur aus Gesetzen, sondern auch aus der Reaktion von Prüfern, Investoren, Banken, Kunden und internen Stakeholdern.
Drittens lohnt es sich, von (den Fehlern) anderer zu lernen: Die erste Generation zeigt sehr schnell, wo die typischen Fallstricke liegen – inhaltlich, prozessual und dokumentationsseitig. Das ist besonders wertvoll, weil Nachbesserungen unter Zeitdruck teuer sind und häufig die Prüffähigkeit gefährden.

Erkenntnis: Berichtslänge – warum Nachhaltigkeitsberichte (oft) ausufern
Wer sich zum ersten Mal intensiver mit Nachhaltigkeitsberichten und der CSRD beschäftigt, merkt schnell: Das sind längst keine „kurzen Begleitbroschüren“ mehr. Die aktuelle Auswertung zur durchschnittlichen Berichtslänge zeigt sehr deutlich, wie stark der Umfang inzwischen angewachsen ist – und wie unterschiedlich sich das je nach Branche ausprägt. Über alle betrachteten Branchen hinweg liegt ein Referenzwert bei 123 Seiten. Das heißt: Ein Nachhaltigkeitsbericht ist heute in vielen Fällen eher mit einer kleineren Publikation vergleichbar als mit einem klassischen Management-Reporting. Und es bleibt nicht bei einzelnen Ausreißern: 80 % der Berichte umfassen mehr als 80 Seiten. Wer hier auf „kurz und knackig“ setzt, wird schnell feststellen, dass Marktstandard und Erwartungshaltung bereits deutlich höher liegen.

Quelle: Ernst & Young, Horvath
Besonders auffällig ist der Wert für deutsche CSRD-Berichte: Mit durchschnittlich 148 Seiten liegen sie an der Spitze – sogar noch vor den Finanzdienstleistungen. Das ist ein starkes Signal: In Deutschland scheint sich ein Reporting-Stil zu verfestigen, der auf hohe Detailtiefe und umfassende Abdeckung setzt.
Das kann Vorteile haben – etwa bei der Prüffähigkeit, bei der Stakeholder-Kommunikation oder beim internen Anspruch an Vollständigkeit. Gleichzeitig steigt aber auch das Risiko, dass Berichte unübersichtlich werden und zentrale Aussagen im Detail untergehen.
Perspektivisch wird die Länge der Nachhaltigkeitsbericht allerdings abnehmen: Die EFRAG hat zum Dezember 2025 eine überarbeitete Fassung der ESRS – der europäischen Nachhaltigkeitsstandards – vorgestellt. Knapp 70% der ursprünglich enthaltenen Datenpunkte wurde gestrichen. Mehr Informationen zum Thema „ESRS“ finden Sie auch in unserem Blogpost „ESRS“.
Wesentliche Themen – was in der ersten Berichtswelle fast immer „material“ ist
Mit der ersten Generation an CSRD-/ESRS-orientierten Berichten zeichnet sich ein klares Muster ab: Nicht alle Standards werden in der Wesentlichkeitsanalyse gleich häufig als relevant eingestuft. Die Auswertung zur Wesentlichkeitsrelevanz je Standard (Anteil der Unternehmen, die den jeweiligen ESRS-Standard als wesentlich bewerten) macht sichtbar, welche Themen sich faktisch als „Baseline“ im Markt etablieren – und wo Unternehmen deutlich selektiver sind.
Ganz oben stehen drei Themenfelder, die in der Praxis nahezu flächendeckend als wesentlich eingeordnet werden:
- E1 (Klimawandel): 99,5 % – Klima ist damit praktisch gesetzt – sowohl aus Impact- als auch aus Financial-Materiality-Perspektive.
- S1 (Eigene Belegschaft): 100 % – Arbeitsbedingungen, Arbeitsschutz, Entwicklung & Bindung der Mitarbeitenden: Für nahezu alle Unternehmen material.
- G1 (Unternehmenskultur/Business Conduct): 95 % – Governance ist nicht „nice to have“, sondern wird als zentraler Hebel für Steuerung, Integrität und Risikoprävention verstanden.
Wer hier „nicht material“ argumentiert, steht schnell in einer hohen Begründungs- und Dokumentationslast – weil die Markterwartung an CSRD-Berichte bereits sehr stark ist.

Quelle: Ernst & Young, Horvath
Anzahl IRO – wie Unternehmen ihre Impacts, Risks & Opportunities strukturieren
Mit der ersten CSRD Berichtswelle wird nicht nur sichtbar, welche Themen als wesentlich gelten – sondern auch, wie stark diese Themen mit konkreten IROs (Impacts, Risks, Opportunities) hinterlegt werden.
In Summe nennen Unternehmen im Durchschnitt ca. 38 IROs pro CSRD-Bericht. Das unterstreicht: Wesentlichkeit endet nicht beim Label „material“, sondern wird in der Praxis durch eine spürbare Zahl an inhaltlich und finanziell relevanten IROs konkretisiert.
Auffällig ist, dass vor allem E1 und S1 besonders stark „ausdifferenziert“ werden. Dort entstehen viele unterschiedliche IROs (z. B. entlang von Regulierung, Transition, Talent/Arbeitsmarkt, Arbeitssicherheit, Qualifizierung, Kultur). Themen wie E3 oder S3 werden dagegen seltener mit einer breiten IRO-Landschaft beschrieben – häufig, weil sie nur für bestimmte Geschäftsmodelle oder Standort-/Lieferkettenkonstellationen stark material sind.

Quelle: Horvath
Neben der Menge ist entscheidend, welche Art von IROs Unternehmen dominierend berichten. Die CSRD-Berichte sind klar risiko- und schadensorientiert geprägt. Das ist plausibel, weil negative Impacts und Risiken häufig unmittelbarer prüfbar sind (z. B. Compliance, Vorfälle, Expositionen, Rechtsrisiken) und stärker von Stakeholdern eingefordert werden. Gleichzeitig deutet der vergleichsweise geringe Anteil an Chancen (12 %) darauf hin, dass Opportunity-Framings (z. B. neue Märkte, Produktinnovationen, Effizienzhebel) noch nicht überall mit der gleichen methodischen Tiefe abgeleitet und quantifiziert werden (können).
Good-Practice: Darstellung der IRO
Eine besonders geeignete Darstellung halten wir Ihnen auch nicht vor. Diese findet sich im Nachhaltigkeitsbericht von Mercedes wieder. Sie ist besonders gut geeignet, weil sie das IRO-Thema gleichzeitig fachlich vollständig, prüfbar und lesbar macht – also genau das leistet, woran viele ESRS-Berichte in der Praxis scheitern: Sie übersetzt eine abstrakte Wesentlichkeitslogik in ein konsequent strukturiertes, auditfähiges Arbeitsformat.

Quelle: Eigene Darstellung
Die Tabelle baut logisch auf (z. B. E1 Klimawandel, darunter „Auswirkungen“ und „Risiken“). Dadurch wird sofort erkennbar: welche wesentlichen Themen adressiert werden, welche konkreten IROs darunterfallen, und ob es sich um Impact oder Risk/Opportunity handelt. Das reduziert Interpretationsspielraum und erleichtert den roten Faden im Bericht.
Die Aufteilung in Auswirkungen vs. Risiken (und implizit Chancen) verhindert, dass alles in einer Liste verschwimmt. Gleichzeitig bleibt die Darstellung kompakt genug, um nicht auszuufern – ein zentraler Punkt für Verständlichkeit und Konsistenz. Zudem ist die Kennzeichnung positiv/negativ (Wirkungsrichtung) ist extrem wertvoll, weil sie: die Doppelte Wesentlichkeit operationalisiert, sofort zeigt, wo problemgetriebene vs. wertschöpfungs-/lösungsgetriebene Aspekte liegen, und als Grundlage für Maßnahmen, Ziele und Steuerungslogik dient. Viele Berichte verlieren genau diese Klarheit und bleiben auf Beschreibungsniveau. Gleichzeitig wird die Tabelle durch Zeithorizont (kurz-/mittel-/langfristig) und Tragweite (lokal/regional/global) von einer Aufzählung zum „Management-Tool“.
Für weitere Informationen kommen Sie mit uns ins persönliche Gespräch.